15. Oktober 2016

Kirche soll lauter werden

Bei der EuK-Jahrestagung 2016 auf dem Podium (v.l.n.r.): Hartmut Steeb, Dr. Stefan Kaufmann, Holger Gohla (Moderation), Dr. Sandra Kostner, Markus Pfeil.

Ein selbstbewussteres Auftreten in der aktuellen Diskussion über Werte wünschten sich die Podiumsteilnehmer bei der Jahrestagung von „Evangelium und Kirche“ in Stetten/Fildern von der Kirche. Gleichzeitig müsse die Kirche akzeptieren, dass sie nur eine von vielen Stimmen in der Wertediskussion sei.

„Viele Menschen sind verunsichert, wie die Mehrheitsgesellschaft mit Minderheiten umgehen soll“, stellte die Migrationsforscherin Dr. Sandra Kostner fest. „Da fliegen einem schnell Begriffe wie Rassismus oder Islamfeindlichkeit um die Ohren.“ So stelle sich zum Beispiel die Frage, wie die Gesellschaft mit der Haltung von muslimischen Eltern umgeht, die ihren Töchtern die Teilnahme am Schwimmunterricht verbieten, sofern Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet werden. Oft werden diese Mädchen vom Schwimmunterricht befreit. „Aber ist das der richtige Weg, wenn wir der Meinung sind, dass alle Kinder schwimmen lernen sollen?“ fragte Kostner, die an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd lehrt.

Bei der Diskussion um Werte sei aber zu bedenken, dass der Begriff „christliche Werte“ weltweit immer noch mit Imperialismus verbunden und deshalb oft abgelehnt wird. „Wenn wir von einem christlich-jüdischen Werteraum sprechen, erleben die Muslime und Nichtchristen das als Ausschluss.“ Auch wenn die Zehn Gebote inhaltlich Zustimmung erführen, würden „christliche Werte“ dennoch abgelehnt.

Auch Studiendirektor Markus Pfeil aus Ulm macht widersprüchliche Erfahrungen in der Beurteilung von Werten. „Die Schüler haben Werte, aber es ist den meisten nicht bewusst, dass diese Werte den Zehn Geboten entsprechen“, berichtete der Rektor und Ethiklehrer aus seiner Unterrichtspraxis. Er betonte die Bedeutung der Familie für die Wertevermittlung. „Werte werden in der Familie geprägt. Wenn das dort nicht geschieht, fehlen sie“, so Pfeil.

Hartmut Steeb, der Geschäftsführer der Evangelischen Allianz Deutschland, ermutigte dazu, christliche Werte offen zu vertreten. „Wer bessere Werte anzubieten hat für ein gelingendes Zusammenleben in der Gesellschaft als wir Christen, soll sie in die Diskussion einbringen“, forderte Steeb auf. Das Problem sei nicht, dass die Moscheen zu voll sind, sondern dass die Kirchen zu leer sind. Als Beispiel für einen Diskussionsbeitrag der Kirchen nannte Steeb den Sonntagsschutz. „In der Bibel heißt es: Du sollst den Feiertag heiligen. Wir sollten diese biblischen Werte offensiver in die Gesellschaft tragen. Der Sonntagsschutz ist wichtiger als verkaufsoffene Sonntage“, meine Steeb.

Der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Dr. Stefan Kaufmann (CDU) hält den interreligiösen Dialog in einer Gesellschaft, die multikultureller wird, für immer wichtiger. „In einer offenen Gesellschaft wie unserer kann jeder seine Religion leben“, bezog Kaufmann Stellung. Es gebe aber auch Grenzen: „Wir können in Deutschland keine parallele Gerichtsbarkeit dulden, wie religiöse Scharia-Gerichte sie darstellen“. Von der Kirche wünsche er sich aber mehr Bewegung bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. „Ich wünsche mir von den Kirchen ein liturgisches Angebot für homosexuelle Paare“ äußerte der katholische Christ.

Moderiert wurde die Runde von SWR-Moderator Holger Gohla. Er erinnerte daran, dass der Ruf, die Kirche müsse lauter werden, doppeldeutig sei: „Da geht es nicht nur um Lautstärke.“

 

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