Corona: Nichts ist, wie es scheint
In ungewissen Zeiten haben Verschwörungserzählungen Konjunktur
Von Annette Kick
EuK-Informationen 2/2020 (Oktober 2020)
Die Coronapandemie betrifft so gut wie jeden einzelnen Menschen auf diesem Globus. Dabei gibt es einige Besonderheiten bei diesem Ereignis: Wir sehen die Gefahr, den Virus, nicht. Obwohl er so eine große Gefahr darstellen soll, kennen die meisten bei uns seine gefährliche Wirkung nicht aus eigener Anschauung. Viele kennen nur die einschränkende Wirkung der Maßnahmen, die zu seiner Eindämmung getroffen wurden. Diese wiederum wurden in ungewohnter Einigkeit und Strenge von den Regierenden durchgesetzt, die Medien berichteten relativ einheitlich und konform. Und: Je besser die Maßnahmen wirkten, desto unnötiger und übertrieben scheinen sie denen, die sowieso Zweifel an der ganzen Geschichte haben.
Zweifel an der ganzen Corona-Erzählung hatten zunächst vor allem diejenigen, die sich schon länger aus dem „Mainstream“ ausgeklinkt haben; die kein Vertrauen mehr darin haben, dass Regierende wirklich das Wohl der Bürger im Blick haben und dass „die Presse“ sich an die Wahrheit hält. Für sie und ihre „alternativen“ Kanäle und Medien war die „angebliche“ Pandemie der endgültige Beweis ihrer Weltsicht: „Nichts ist, wie es scheint“.
Diese Grundannahme des Verschwörungsdenkens gewann hier schnell Plausibilität. Der Virus, sofern es ihn gibt, schien viel harmloser als behauptet. Also muss etwas ganz anderes dahinterstecken.
Die weitere Grundannahme, dass alles weltweit miteinander zusammenhängt, trifft so gut zu wie noch nie; ebenso stimmt nun wirklich einmal, dass hinter allem, was da weltweit geschieht, dieselbe „Macht“ steht; für den Mainstream war es der neue Virus. Sein Auftauchen wurde wohl durch verschiedene Dinge begünstigt, ist aber auch Zufall.
Für Verschwörungsdenker war es der Virus entsprechend der ersten Grundannahme eben nicht, sondern eine ganz andere, geheime Macht, die eine bösartige Intention hat und die Strippen zieht: Eine heimliche unvorstellbar mächtige Elite, die Pharmaindustrie, die Rothschilds, Bill Gates oder George Soros usw.
Was die schädigende Intention betrifft, die mit der „angeblichen“ Pandemie verfolgt wird, da gehen die Erzählungen auseinander: Ablenkung von der Islamisierung, Zwangsimpfung mit einem schädlichen Stoff, Verwirklichung von G5 etc.
Schwarzweiß-Denken als Bewältigungsstrategie
Einige Grundannahmen des Verschwörungsdenkens scheinen bei der Pandemie so perfekt erfüllt, dass auch Menschen davon ergriffen wurden, die zuvor wenig Neigung zu solchen Gedanken hatten. Auch betrifft diese Verunsicherung, die Ohnmacht, die Zukunftsangst diesmal alle. Und Verschwörungsdenken scheint tatsächlich erst einmal zu helfen, mit der Situation umzugehen:
- Die komplizierten Fragen rund um den Virus gehen mich nichts mehr an. Ich muss mich nur noch vor den Bösen schützen, die dahinterstecken.
- Ich habe keine Verantwortung mehr innerhalb des „angeblichen“ Problems; allenfalls die Verantwortung, möglichst vielen die Augen zu öffnen für die „Wahrheit“.
- Ich fühle mich überlegen, habe mehr Macht und Wissen als die anderen. Ich muss keine Angst mehr vor dem Virus haben, sondern mit meinem Wissen um die wahre Gefahr bin ich wieder handlungsfähig.
Bestimmte, vor allem apokalyptische und dualistische (Schwarz-Weiß-Denken) Ausprägungen des christlichen Glaubens haben schon immer eine Nähe zu Verschwörungsdenken. Auch in der Corona-Krise treten sie vermehrt auf. Mit der Bibel in der Hand wissen sie alles besser und anders und vor allem, wer schuld ist am Schlamassel. Sie erkennen in den aktuellen Geschehnissen die exakte Erfüllung apokalyptischer Voraussagen.
Die Zeugen Jehovas zum Beispiel, die ja schon mehrfach das Weltende terminiert haben, verkünden, dass die Pandemie für sie gar keine Überraschung sei. Die vier apokalyptischen Reiter stürmen angeblich seit 2014, seit der Teufel aus dem Himmel verbannt sei, unaufhaltsam voran; das vierte, das fahle Pferd, bringe Tod und Seuchen (Off 6,7f). Man stehe kurz vor dem letzten Tag der letzten Tage, an dem die treuen Zeugen Jehovas ins irdische Paradies kommen und der ganze Rest der Menschheit vernichtet wird.
Auch bei „bibeltreuen“ evangelischen Christen hört man solche Töne. Für einige sind die Krone („Corona“) (Off 6,2) und die Seuchen (Off 6,8) untrügliche Zeichen, andere erkennen gar im Mundschutz das Malzeichen des Tieres (Off 13,16). Ein ehemaliger Pfarrer der Landeskirche, heute Prediger einer „freien Gemeinde“, hetzt nicht nur die Hörer seiner Gemeinde auf, nein, viele verunsicherte Christen hören seine Predigten im Netz. Er behauptet, das Virus sei eine von den antichristlichen Eliten gezüchtete Massenvernichtungswaffe. Den Regierenden ginge es bei den Maßnahmen um alles andere als um Gesundheitsvorsorge. Alle Ängste (Massenarbeitslosigkeit, Verarmung, „Impfstoff, dem alle zum Opfer fallen“) und schlimmen Erfahrungen seiner Hörer (z. B. der Staat lasse Menschen in Heimen „alleine verrecken wie Tiere“) nimmt er auf und verstärkt sie maßlos. Die Krise sei von den abgefallenen Kirchen mit ihrem Genderismus, ihrer Flüchtlings- und Islamfreundlichkeit mit verschuldet. Sie sei bewusst herbeigeführt von den Eliten von Merkel bis Bill Gates, um die Menschen zu manipulieren, die bibeltreuen Christen zu drangsalieren und unser Land zu zerstören. Hinter diesen Eliten stehe der Teufel selbst.
Der Pastor sieht den Bekenntnisnotstand gegeben und ruft zum Widerstand auf gegen die bösen Mächte, die die Coronakrise angeblich managen wollen.
Hoffnungsbilder in der Krise
Bemerkenswert ist, dass einstige in dieser Weise apokalyptisch gestimmte „Sekten“ angesichts der aktuellen Krise ihre Entsektung dokumentieren, indem sie solche „falsche“ Apokalyptik zurückweisen. Der Stammapostel der Neuapostolischen Kirche warnt davor, die in apokalyptischen Texten angekündigten Ereignisse mit den konkreten aktuellen Ereignissen in der Krise in Zusammenhang zu bringen.
Der Pressesprecher der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland (STA) distanziert sich von einem Video „Die Corona-Agenda – War der Coronavirus geplant?“. Auch wenn die Macher adventistischen Hintergrund haben, entsprächen die Inhalte nicht der Haltung der STA.
Spekulationen zur Krise dürften nicht mit göttlichen Offenbarungen verwechselt und als Zeichen der Endzeit gedeutet werden. Versektung und Entsektung christlicher Gruppen lässt sich ein Stück weit ablesen daran, ob man in der Krise zu apokalyptischen Verschwörungstheorien greift oder ob man als Teil der Welt auch Verantwortung übernimmt in den komplizierten sachlichen und theologischen Fragestellungen, die die Krise aufgibt.
Die Offenbarung kann man in der Krise auch anders lesen: Johannes sagt im Grunde, wie die Verschwörungserzähler: Es ist alles anders, als es scheint. Da gibt es im Hintergrund noch eine ganz andere Macht als die vordergründig so mächtigen Römer. Es ist allerdings eine gute Macht, die nicht Angst, sondern Hoffnung macht: Alles kann und wird anders werden. „Apokalypse“ heißt „Enthüllung“. Der Seher sieht die Tiefenstruktur der Geschichte. Enthüllende Kraft hat auch die aktuelle Krise. Wie in einem Brennglas wird vieles verstärkt und sichtbarer: Der Charakter von Menschen, die Qualität von Beziehungen, die Strukturen der Gesellschaft und der globalisierten Welt.
Aber anders als in der historischen Situation der Offenbarung, und anders als Verschwörungstheoretiker behaupten, wird heute Gutes und Problematisches enthüllt und nicht nur eine einzige böse Macht. Vielleicht hat die Krise enthüllt, dass ein sinnvolleres Leben und eine schönere Welt jenseits des „weiter so“ denkbar sind. Die Offenbarung zielt auf das wunderbare Hoffnungsbild eines neuen Jerusalem, in dem Gott bei „den Menschen“ (so universal!) wohnt.
Zwar kann nur Gott dieses Neue schaffen, aber bis dahin kann das Bild Christen dennoch leiten, wenn nicht alles bleiben soll, wie es ist.