Persönliche Worte zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026
Sehr geehrte Mitglieder unseres Gesprächskreises,
Liebe Freundinnen und Freunde bei Evangelium und Kirche!
Ein bewegender Sonntag liegt hinter uns; in den Meldungen der letzten Wochen war häufig die Formulierung “stürmische Zeiten” zu lesen. Wir alle haben wohl mit Blick auf die Wahl in Sachsen-Anhalt nicht viel erwartet. Die Sturmwarnungen waren deutlich. Und doch fühlt sich alles, auch eine Nacht und einen Tag später, nach Enttäuschung an.
Ich schreibe Ihnen und Euch heute, weil ich es als unsere Aufgabe sehe, nicht auf diesem Schrecken, dem Unverständnis und der Enttäuschung sitzen zu bleiben. Gerade als Gesprächskreis mit unserer besonderen Geschichte können wir uns eine Ruhe nach dem Sturm in Form von Resignation oder Trägheit nicht erlauben. Ich wünsche mir, dass wir alle die Ergebnisse des gestrigen Abends (bei großer Wahlbeteiligung) nicht nur ernst-, sondern persönlich nehmen. Denn das sind sie.
Nach Rücksprache teile ich Nachrichtenausschnitte von vor der Wahl, welche mich von einer meiner besten Freundinnen aus Halle erreicht hatte. Wir lernten uns beim Studienjahr in Rom kennen.
“Dieser Tage sehne ich mich manchmal nach der römischen Unbeschwertheit zurück, möglichst weit weg von hier. Wobei – damals vor 10 Jahren, als es mit Pegida etc. losging, war ich als einzige ostdeutsch sozialisierte Person unter den Melantonini auch schon in der Position, erklären zu müssen, was da eigentlich los ist in den neuen Bundesländern und mit den „Ossis“. Inzwischen bin ich müde geworden vom Erklären und obwohl ich vieles politisch-soziologisch-wirtschaftlich-historisch-küchenpsychologisch herleiten kann, fehlt auch mir das Verständnis für meine Mitmenschen hier, die bereit sind (in den allermeisten Fällen gegen ihre eigenen Interessen) eine gesichert rechtsextreme Partei zu wählen.
Warum ich euch schreibe: Ich lese in letzter Zeit immer häufiger in Kommentarspalten die Forderung, es wäre doch jetzt endlich an der Zeit, die Mauer wieder aufzubauen, damit die Ostdeutschen wahlweise an ihrem braunen Dreck ersticken oder gleich heim ins Russische Reich können. Menschen wollen bei Urlaubsreisen oder Konsumentscheidungen einen weiten Bogen um Sachsen-Anhalt machen. Und neulich sprach ich mit einem jungen württembergischen Pfarrer, der bei der Linken aktiv ist und der trotzdem 0,0 auf dem Schirm hatte, wie explizit kirchenfeindlich die Positionen der AfD hier sind und dass uns im Falle eines Wahlsieges die Staatsleistungen gekürzt oder ganz gestrichen werden sollen, was zwar verfassungswidrig ist, aber eben bis zur gerichtlichen Klärung einfach passieren und zu massiven finanziellen Nöten in den ev. und kath. Kirchen führen würde.
Ich kann das nachvollziehen. Und zugleich macht mich diese Art der Abgrenzung wütend und traurig. Solche Ignoranz muss man sich leisten können. Und sie bedeutet zugleich Entsolidarisierung mit den vielen stabilen Menschen hier in Kirche, Kultur, Wissenschaft, in kleinen Betrieben wie in Jugendclubs, in den Städten und ja, sogar auch in den Dörfern. Wahrscheinlich kennt auch ihr Menschen, die ähnlich denken und diesen Landstrich hier schon lange abgeschrieben haben. Also falls ihr solchen Meinungen begegnen solltet, sagt es gern weiter: Wir sind auch noch hier. Und ja, wir haben echt Angst. Aber noch lange nicht aufgegeben.“
Es ist wahr. Die AFD wurde stärkste Kraft. Aber so viele haben sich gestern, vorgestern und über Monate und Jahre diesen Stürmen entgegengestellt. Auch das ist wahr. Was sie, was unsere Geschwister vor Ort jetzt brauchen, ist uneingeschränkte Solidarität. Es ist wichtig, dass wir sie wissen lassen, dass wir sie wahrnehmen und dass sie nicht allein sind. Deshalb: Melden wir uns bei den Sturmzerzausten. Nehmen wir andere, Uninformierte, mit hinein in das Gespräch über Sturmschäden und Sturmgefahr. Beten wir um Ideen für vielfältige, konkrete und wirksame Maßnahmen gegen Sturmtiefs.
Und v.a.: Bleiben wir aufmerksam, auch über den ersten Schock hinweg. Und werden wir noch wachsamer, was sich nicht nur in Sachsen-Anhalt verschiebt, sondern auch in anderen Teilen der Welt und in Deutschland. In aller Deutlichkeit: Baden-Württemberg ist kein sturmfreies Gebiet.
Es hätte gestern wohl keine passendere Tageslosung geben können: “Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.” D.h. für mich in dieser Situation: Auch wir können Sturm gegen etwas Laufen: Gegen unsere eigene Ignoranz. Gegen die Angst vor der nächsten Enttäuschung. Gegen engstirnige Unbarmherzigkeit. Wir merken: Es ist viel zu tun. Lassen Sie und lasst uns Kraft, Liebe und Besonnenheit teilen!
Mit herzlichen Grüßen und besten Segenswünschen, auch aus dem Erweiterten Vorstand von Evangelium und Kirche,
Damaris Läpple
Landesvorsitzende von Evangelium und Kirche e.V.